Arkadiusz Łuba: Der «Orientale aus Ostpreußen» – Leben und Werk Erich Mendelsohns

Ita Heinze-Greenberg

Ein sonniger frühherbstlicher Tag. Ich treffe die Mendelsohn-Spezialistin und -Biographin Ita Heinze-Greenberg in dem Haus Dr. Bejach in Berlin-Steinstücken, Hier wahrscheinlich zum letzten Mal. Die hiesige Bernhard-Beyer-Straße 12 galt bis vor kurzem noch als die Adresse der Erich Mendelsohn Stiftung. Nun wird das Haus verkauft und die Stiftung aufgelöst, der Träger hat Insolvenz gemeldet. Was mich hierherführt sind das 100. Jubiläum von Mendelsohns erstem Bauwerk und die Herausgabe des Buches «Erich Mendelsohn. …ze života». Ein guter Anlass, um über das Werk und das Leben eines der größten Architekten der Gegenwart zu sprechen.

Arkadiusz Łuba (A.Ł.): Sie sind Dozentin für Kunst- und Architekturgeschichte an dem Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der ETH Zürich. Sie haben Kunstgeschichte und Philosophie in Bonn studiert. 1984 promovierten Sie über Erich Mendelsohn. Wie kamen Sie auf Erich Mendelsohn und was faszinierte Sie an ihm, an seinem Werk?

Ita Heinze-Greenbergová (I. H.-G.): Ich bin zu Erich Mendelsohn über meinen späteren Doktorvater gekommen, Christoph Luitpold Frommel, der damals in Bonn eine dreisemestrige Vorlesung über moderne Architektur gemacht hat. Er hat darin ausgiebig auch Mendelsohn behandelt. Ich habe dann angefangen Mendelsohns Briefe an seine Frau zu lesen. Der Einsteinturm hat mich damals als junge Studentin schon sehr beeindruckt. Das hat mich eingenommen. So habe ich mich einfach weiter mit Mendelsohn beschäftigt und fragte bei Prof. Frommel an, ob er sich es vorstellen könnte, mich als Doktorandin zu einem Thema über Mendelsohn zu nehmen.

A.Ł.: Sie haben soeben schon den Einsteinturm erwähnt. Was faszinierte Sie an Mendelsohns Werk?

I. H.-G.: Einsteinturm ist natürlich ein Werk, das aus dem Rahmen fällt. Es ist sozusagen Mendelsohns Debüt, wenn man mal von Bet Tahara in Allenstein / Olsztyn absieht. Der Einsteinturm war das Werk, was Mendelsohn im ersten Weltkrieg begonnen hat und das ist einfach die Ikone der expressionistischen Architektur schlechthin geworden. Das hat mich fasziniert, wie mutig dieser Architekt war, da zu einer völlig neuen Architektursprache zu kommen und etwas zu bauen, was noch nie da gewesen war. Ich dachte, ich muss dahinter schauen, wer das eigentlich ist.

A.Ł.: Sie sind Autorin und Herausgeberin einiger Bücher über und von Erich Mendelsohn. Vor allem die von Ihnen geschriebene Mendelsohns Biographie erscheint in mehreren Varianten und Sprachen, neulich in einer sorgfältig editierten und zweisprachigen Ausgabe, Herausgegeben von Tadeáš Goryczka und Jaroslav Němec von dem Verband für Ostrauer Kultur, Bürger-Verein e.V. in Ostrava. Ein spannendes Leben hatte er, verschiedene Länder, Städte, architektonische Projekte. Was waren die außergewöhnlichen Merkmale des Lebens von Erich Mendelsohn?

I. H.-G.: Mendelsohns Biographie habe ich erst später entdeckt mit ihren spannenden Befindlichkeiten, Örtlichkeiten und Verortungen auch. 1933 ist er aus Deutschland geflohen, als Jude hatte er keine Existenzmöglichkeiten mehr im Nazi-Deutschland. Die nächsten Stationen waren dann Amsterdam und London. Von London aus dann Jerusalem, auch zwei Büros – in London und in Jerusalem über längere Jahre geführt. Dann 1941 nochmal das Weiterwandern nach Amerika. Das sind unterschiedliche Orte in völlig unterschiedlichen Kontinenten. Jedes Mal musste er sich als Architekt umstellen und hat das auch getan. Er ist jedes Mal in die regionalen Befindlichkeiten eingestiegen. Es ist schon an sich spannend genug, wie passt ein Architekt seine Architektur an den jeweiligen Ort, inwieweit steigt er in die regionale Geschichte, in die regionalen Traditionen als moderner Architekt ein; daraus ergaben sich Synthesen jeweils als Tradition und Moderne, aus Alt und Neu, dies was man später als «kritischer Regionalismus» genannt hat. Das sind Positionen, die mich ungeheuer fasziniert haben.

A.Ł.: Wie war das möglich, dass er sich an so vielen verschiedenen Orten zurecht gefunden hat und wie konnte er an so vielen verschiedenen Orten einfach so arbeiten?

I. H.-G.:So einfach, wie es scheint, war es ja gar nicht. Am schwierigsten war sicherlich das Weiterwandern in die USA, wo er fünf Jahre erstmal gar nicht als Architekt arbeiten durfte. Die Lizenz zum Bauen ist in den USA mit der amerikanischen Staatsangehörigkeit verbunden, die er dann nach fünf Jahren bekommen hat. Bis dahin musste er sich über Stipendien und gelegentliche Vorträge an Universitäten finanzieren. Die Flucht aus Deutschland war finanziell gesehen einigermaßen in Ordnung. Mendelsohn war in den 20er, 30er Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere und hat auch sehr gut verdient. Er hatte wohl welche Rücklagen, damit konnte er sich über etliche Monate über Wasser halten und hat dann eben auch gleich Aufträge bekommen. In London hat er ja direkt einen großen Wettbewerb gewonnen. Damit war die Existenz des Londoner Büros gesichert. In Jerusalem hat er seine alten Auftragsgeber wieder getroffen, vor allem Salman Schocken, der ihm über die Auftragsvergabe von Privathaus und -Bibliothek eine finanzielle Existenz gegeben hat. Das war die Basis für ein kontinuierliches Schaffen.

A.Ł.: Mendelsohn war schon immer kunstinteressiert. Seine Skizzen bestätigen das. Das rasche und knappe Festhalten einer architektonischen Idee stand den Bestrebungen in der expressionistischen Malerei nahe. In seiner Zeit in München 1912-1914 pflegte Mendelsohn auch freundschaftliche Kontakte zu den Künstlern des Blauen Reiters (wie z.B. Wassily Kandinsky, Franz Marc, Alfred Kubin). Eine reiche unendliche Fantasie, sichtbar vor allem in seinen ersten expressionistischen Projekten, zeichnete ihn aus. Ein bisschen untypisch für einen Architekten, oder? War nicht Mendelsohn doch mehr ein Künstler als Architekt?

I. H.-G.: Da haben Sie sicherlich recht. Er hat auch während seiner Studienzeit oft daran gezweifelt, ob die Architektur wirklich für ihn das Richtige ist. Es gibt Briefe an seine spätere Frau Luise, wo er schreibt «Ich bin mir noch nicht sicher, vielleicht sollte ich doch in die Malerei. Ich schätze jedoch, in der Malerei hätte er nicht mehr Neuland betreten können. Denn da gab es schon Leute, zum Teil auch die, die Sie erwähnt haben, die in die abstrakte Malerei gegangen sind und die Traditionen seit der Renaissance aufgebrochen hatten. Mendelsohn hat etwas Ähnliches in der Architektur geschafft.

A.Ł.: Lange Zeit konnte sich Mendelsohn also nicht entscheiden, was er werden wollte, Maler oder Architekt. Sein Vater meinte auch, Architektur «ist kein Beruf für einen Juden». Erich «sollte Händler werden, wie er, oder Jurist». Er wurde schließlich Architekt, blieb aber stark der Kunst verbunden. Er verehrte Bach, mit seiner Frau – die ja Cellistin war – organisierte er seinerzeit Konzerte, die sog. «Bachanalien», bei denen auch Albert Einstein die Geige spielte. Was mochte er dabei am meisten?

I. H.-G.: Ich glaube, das war die «Kunst der Fuge», die er vielleicht am meisten geschätzt hat. Mendelsohns Entwerfen geschah immer mit Musik. Er hat sich immer in seine eigene Arbeitsklause zurückgezogen und dort stand ein Grammophon. Er hat eine große Schallplattensammlung gehabt, davon war die Hälfte Bach, sonst Beethoven, Mozart, Haydn und anderes klassisches Repertoire. Bach war sein am meisten geschätzter Musiker, weil da offensichtlich etwas zusammenkam, was er auch gesucht hat, nämlich eine Synthese aus Leidenschaft, Passion und Mathematik. Das ist wohl das, was auch für Bach sehr typisch ist. Und wenn man das in architektonische Begriffe umsetzten würde, dann könnte man sagen, Dynamik und Funktion war das, was Mendelsohn dabei gesucht hat. Musik hat er als Korrelation zu Architektur gesehen. Ich hatte das Glück, Mendelsohns Witwe Luise noch vor ihrem Tod kennenzulernen und zu interviewen und da hat sie mir dieses Apollinische und Dionysische im Zusammenspiel von Architektur und Musik ganz eingehend erklärt. Daraus sieht man auch, wie wichtig die Verbindung von Musik und Architektur für diese Partnerschaft war. Mendelsohn hat sich manchmal ans Klavier gesetzt und ganz spontan gespielt, er hat aber keine musikalische Ausbildung genossen.

A.Ł.: In den während des ersten Weltkrieges verfassten Skizzen hielt Mendelsohn seine Visionen fest. Wie Sie in Ihrer Mendelsohn-Biographie schreiben, er versuchte hier zu einer völlig neuen, revolutionären Architektursprache zu gelangen. Man sagt auch, die Skizzen haben das Sehen der Architektur geändert. Wie wäre diese neue Architektursprache zu verstehen? Und wie ist diese Änderung möglich gewesen?

I. H.-G.: Sie ist nur dann zu verstehen, wenn man die Qualitäten des neuen Baumaterials Beton in Betracht zieht. Beton war für Mendelsohn ein monolithisches und ein fließendes Material, welches ermöglicht, Architektur ganz neue, skulpturale Qualitäten zu geben. Da war Mendelsohn sicher einer der ersten, der das ausprobiert hat. Das heißt, weg von dem traditionellen Tragen und Lasten, weg von dem Skelettsystem, was später andere Architekten für die Betonarchitektur benutzt haben. Mendelsohn wollte das elastische Prinzip mit Beton ausprobieren. Damit ging er hin zu einer Schalenarchitektur. Er musste leider erkennen, dass er zu früh dran war, weil das traditionelle Bauhandwerk und die Bauingenieure diese Schalenarchitektur noch nicht realisieren konnten. Es fing schon damit an, dass man die Schalungshölze nicht biegen konnte. Der Einsteinturm ist letztendlich zu großen Teilen gemauert worden und so verputzt, dass er wie eine Skulptur aussieht, aber doch keine gegossene Skulptur, wie Mendelsohn es sich gewünscht hatte. In seinen nächsten Bauwerken ist er zu einer wesentlich traditionelleren Statik zurückgekehrt. In den 50er Jahren war das Ingenieurbauwesen soweit und Mendelsohn hätte die Schalenarchitektur gerne wieder aufgenommen. Das war ihm leider nicht mehr vergönnt, weil er 53 verstorben ist.

Zu seiner expressiven Zeichnung und zu diesen ihn ausmachenden Architekturphantasien ist er während des ersten Weltkrieges gekommen. Er war zunächst Soldat an der Ostfront und später an der höllischen Westfront. Da ist er vielleicht aufgrund der enormen Anspannung zu diesen explosionsartig aufs Blatt geworfenen Architekturskizzen gekommen. Diese später dann als Architekt ausführen zu wollen, war nicht das, was ihn am Bauen gereizt hat. Er hat mal diesen schönen Satz gesagt «Bauen ist Glückseligkeit». Daraus spricht doch eine ganze Menge Kraft und Selbstvertrauen. Auf all seinen Wegen, Migrationen und Neuanfängen hat er immer auf seinen Bleistift vertraut. Und da gibt es eine Anekdote, die Mendelsohn selbst auch gerne verbreitet hat: Er floh aus Nazideutschland mit dem Nachtzug nach Amsterdam und traf dort am Bahnhof einen Bekannten Er fragte ihn, was er in Amsterdam suche. Mendelsohn zog seinen Bleistift aus der Westentasche und sagte, er habe gerade sein Büro nach Amsterdam verlegt.

A.Ł.: «Architektonisch zu denken, das heißt von Raum zu träumen», schrieb Mendelsohn in einem Brief. Und Sie fügten in Ihrer Biographie hinzu: «Der offene Sternenhimmel über ihm scheint sein Limit gewesen». Wie beherrschte er den architektonischen Raum?

I. H.-G.: Architektonischer Raum, damit sprechen wir also von Innenraum. Das ist etwas, was bei Mendelsohn sehelich am schwächsten ausgebildet ist. Er hat seine Architekturen zwar als Volumengebilde gesehen, aber er hat sie immer in ihrer skulpturalen Kontur gesehen. Mendelsohn hat zum Beispiel seltenst angefangen, Architektur über den Grundriss zu entwerfen. Es gibt nur ganz wenige Grundrissskizzen von ihm. Er hat eigentlich immer mit dem Außenbau angefangen. Das Wichtigste war, wie sich der Bau von außen dem Betrachter darstellt. Das heißt nicht, dass Mendelsohns Bauten und Räume von innen nicht funktionieren. Aber sein Hauptaugenmerk lag schon im Außenraum, wie bei einem Bildhauer.

A.Ł.: Vom Entwurf, die Skizze, zum fertigen Gebäude. Wie war Mendelsohns Arbeitsweise?

I. H.-G.: Mendelsohn hat immer sehr gute Ingenieure gebraucht, die das umsetzen konnten, was er sich so vorgestellt hat, selbst wenn er nach dem Einsteinturm realistischer und pragmatischer wurde mit dem, was man auch ausführen kann. Er selbst hat mal gesagt, dass er während seiner Studentenzeit sämtliche Übungen in Statik und auch die Fensterdetailzeichnung von noch ärmeren Studenten, als er einer war, gekauft hat. Man könnte sagen, damit baute er an seinem eigenen Mythos, ich nehme ihm es aber durchaus ab, dass es wirklich so war, denn er hat davon kaum was verstanden. Er hat sich wirklich nur auf den Entwurf bezogen und auch beschränkt. Er war darin so etwas, wie ein Renaissance-Architekt, der sein Hauptaugenmerk auf den Entwurf gelegt hat, und die Ausführung und die Berechnung war ihm dann eigentlich letztlich egal. Ich hatte die Gelegenheit mit Mendelsohns Ingenieuren zu sprechen, die heute noch in Jerusalem leben, und sie haben mir das bestätigt. Mendelsohn hat offensichtlich nachts entworfen, immer bei Bachscher Musik, und kam dann morgens ins Büro mit seinen Skizzen, hat die seinen Ingenieuren auf den Tisch geknallt und hat gesagt, so jetzt machen Sie mal. Und dann mussten sie diese Visionen umsetzen. Mendelsohn kam dann und kontrollierte das Ganze, ob es dem entspricht, was er sich vorgestellt hat.

A.Ł.: Unter den knapp 50 realisierten Bauwerken befinden sich unterschiedlichste Formen. Auch die Funktionen sind verschieden. Kauf- und Bürohäuser, Synagogen, Krankenhäuser, Villen, Bibliotheken, Fabriken, Universitäten. Begonnen hat jedoch alles in seiner Heimatstadt Allenstein in Ostpreußen, heute Olsztyn in Polen. Vor genau 100 Jahren wurden das Haus der Reinigung und das Gärtnerhaus auf dem jüdischen Friedhof Alleinstein eröffnet. Interessanterweise hat Mendelsohn nie dieses erstes Projekt erwähnt. Wie denken Sie, warum?

I. H.-G.: Mendelsohns Bet Tahara in Olsztyn / Alleinstein, das ist sozusagen sein Debütwerk, was er 1911 noch als Student gemacht hat und in seinen Werklisten ja lange verschwiegen hat. Wenn Sie den Einsteinturm sehen, hat dieses Projekt an revolutionärem Geist natürlich kein Bestand neben dem Einsteinturm. Wenn Sie so einen Einsteinturm als Debüt setzen, damit markieren Sie natürlich auch eine Karriere. Da bricht jemand auf zu neuen Ufern; und das ist ein faszinierendes und lautstarkes Debüt, was er damit gibt, allein schon der Name des Bauherrn Einstein. Damit setzen Sie einen Meilenstein am Anfang der Karriere gleich. Ich glaube nicht, dass er sich für sein Frühwerk geschämt hat, sondern das hat sicherlich allein damit zu tun, so ein didaktischer Grund.

Es ist aber ein wunderschöner Bau, vor allem im Innenraum, der jetzt wieder auch farblich neu gestaltet ist. Mendelsohn hat sich da zum ersten Mal selbstverwirklicht. Für uns Kunsthistorikern ist es das Missing-Link zwischen den schwellenden Formen des Jugendstils hin zu dem Einsteinturm. Denn Mendelsohn kommt ja eigentlich auch vom Jugendstil. Das ist am besten in der Innenausstattung des Bet Tahara in Olsztyn zu sehen. Vor allen in der Deckenornamentierung befinden sich jugendstilige Ornamente, die er da eingebracht hat. Er hat diese Formenwelt des Jugendstils nachher in ein plastisches Volumen umgesetzt und das ist dann der Einsteinturm.

Besonders an diesem Gebäude ist ja diese zeltartige Kuppel über den Hauptraum. Wenn man allein Zelt denkt, denkt man natürlich auch an Stiftshütte, also an das ephemere „Gebäude“, was die Juden in ihrer 40-jährigen Wanderung durch die Wüste mitgenommen haben, bevor sie in das gelobte Land gekommen sind. Ob Mendelsohn es tatsächlich auch so gedacht hat, wissen wir nicht, er hat sich dazu nie geäußert.

A.Ł.: Als ich meine Fotos von dem Haus der Reinigung in Olsztyn einem mit mir befreundeten Architekturstudenten aus Tel Aviv zeigte, meinte er, das Gebäude sei sehr jüdisch. Nicht sehr erbenreich, aber sehr jüdisch. Was kann man in den Gebäuden Mendelsohns sehen, was steckt hinter den Fassaden?

I. H.-G.: Ich würde an dieser Stelle nicht mal von einer Fassade sprechen. Denn eine Fassade ist immer etwas Zweidimensionales, und Mendelsohn denkt immer dreidimensional. Das kommt in dem Äußeren von Bet Tahara noch gar nicht zum Ausdruck. Ganz extrem ist es in seiner skulpturalen Qualität beim Einsteinturm. Auch seine nachfolgenden Bauten sind immer um die Ecke gedacht. Es ist immer ein sehr dynamisches Rezipieren seiner Bauten. Nur in Palästina wird er ruhiger, die örtliche Tradition verlangt es so, es gibt hier auch keine Metropolen. In Metropolen muss die Dynamik des Ortes durch das Gebäude ausgedruckt werden. In Palästina gestaltet er das anderes und verlegt die Dynamik interessanterweise auf den Annäherungsweg des Betrachters. Er führt den Betrachter um seine Bauten herum. Bevor der Betrachter an den Gebäudeeingang kommt, werden ihm wann immer möglich viele, wenn nicht sogar alle Seiten des Gebäudes gezeigt.

Mendelsohn versucht seine extrem städtischen Gebäuden, immer auf die Natur seines Baukontextes abzustimmen. Der Kontext könnte zum Beispiel der Autoverkehr sein. Da sagte Mendelsohn, die horizontalen Fensterstreifen wären dabei auf das Vorbeifahren im Auto angepasst. Vertikale Fenster erzeugten beim schnell vorbeifahrenden Betrachter einen Flimmereffekt, horizontale Fensterbänder dagegen – eine Ruhe, weil sie sozusagen mit der Bewegung mitgehen. In Palästina spielte der Garten um das Gebäude herum eine extrem wichtige Rolle. Dabei war es die Idee des Gartens Eden, den man in die Wüste hineinbringen wollte. Mendelsohn hat sich für seine Gartenpläne immer nur regionalen Flora bedient.

A.Ł.: Architekturstudenten reisen um die Welt, um die verschiedenen Werken Mendelsohns zu erkunden, sich inspirieren zu lassen. Er gehört auch fest zu einem Architekturstudium, wie viele anderen nicht. Was war und bleibt so neu und inspirierend und spezifisch in Mendelsohns Bauten, dass sie heute nichts an ihrer Bedeutung verlieren?

I. H.-G.: Durch seine vielen Wanderungen und dadurch, dass er auf vielen verschiedenen Kontinenten gelebt und gebaut hat, ist Mendelsohn in gewisser Weise ein Katalysator für einen internationalen Architekturdialog. Für Mendelsohn waren all diese Reisen damals Brüche. Für uns heute ist das etwas, was uns zusammenführen kann. Mendelsohn hat seine Bauten immer neu entwickelt, bei ihm ist keine durchgehende Architektur und kein durchgehender Stil zu finden. Alle seine Bauten sehen anders aus, weil sie eben je nach Funktion und je nach Ort immer wieder neue Lösungen bringen. Und das ist vielleicht auch etwas, was Architekturstudenten von Mendelsohn lernen sollten, dass sie eben jeden neuen Bauauftrag und jeden Ort und auch jeden neuen Bauherrn neu angehen und immer wieder neue Lösungen entwickeln. Es ist glaube ich etwas, was man von Mendelsohn ganz stark lernen kann.

A.Ł.: Mit Ihrer Biographie und Ihren anderen Büchern zu Mendelsohn stellen Sie nicht nur das Leben und Werk eines außergewöhnlichen Architekten vor, Sie machen darauf auch aufmerksam und popularisieren es. Was wollen Sie dadurch erreichen?

I. H.-G.: Mir lag – und liegt noch immer – die Aufarbeitung von Leben und Werk Erich Mendelsohns am Herzen. Als ich mit meinen Forschungen in den 1980er Jahren begann, hatte Erich Mendelsohn zwar bereits einen Platz in den internationalen Architekturlexika. Erwähnt wurden dort stets der Einsteinturm und das Stuttgarter Schocken Kaufhaus. Alles andere war auf der Strecke geblieben. Heute hat sich das Bild zum Glück bereits geändert. Es gibt viele wichtige Forschungsarbeiten zu seinem Werk mit einer großen thematischen Bandbreite. Ich sehe es als die Aufgabe der Architekturhistoriker an, Vergessenes aus der Versenkung zu holen. Die Biografie, die ich zu Erich Mendelsohn geschrieben habe, ist mit der Vorgabe entstanden, für ein breiteres Publikum lesbar und interessant zu sein. Den Grenzbereich zwischen Unterhaltungs- und akademischer Fachliteratur auszuloten war eine besondere Herausforderung und hat mir viel Spaß gemacht.

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Ita Heinze-Greenberg – Studium der Kunstgeschichte und Philosophie in Bonn. 1984 Dissertation über das Thema Erich Mendelsohn. Bauten und Projekte in Palästina 1934-1941. 1984-1992 Forschungsassistentin am Architectural Heritage Research Centre, Technion, Israel Institute of Technology, Haifa. 1993 Lehrauftrag an der Bezalel Academy, Jerusalem. 1994-1998 Dozentin für neuere Kunst- und Architekturgeschichte an der Faculty of Architecture and Townplanning, Technion Haifa. 1999 Lehrauftrag am Kunsthistorischen Institut der Universität Augsburg. 2000-2003 Arbeit als freie Autorin. 2003-2006 Stipendiatin der Gerda Henkel Stiftung mit einer Forschungsarbeit über Eretz Israel als Versuchslabor europäischer Siedlungskonzepte. 2004-2005 senior research fellow am Design Knowledge Systems Research Centre,TU Delft. 2008-2012 Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design, TUM. Seit August 2012 Dozentin für Kunst- und Architekturgeschichte an dem Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der ETH Zürich.

Arkadiusz Łuba

Arkadiusz Łuba – vystudoval obor literárních věd, teatrologie a pedagogiky na vysokých školách v Olštýně a Curychu; novinář, překladatel, cestovatel; redaktor překladatelského oddělení kulturně literárního časopisu “Portret” (1997-2003); zakladatel a první redaktor, který vedl vysílání programu “Allensteiner Welle” v Olštynském rozhlase (2001-2012); absolvent mnohých stipendií a autor publikací se zaměřením na kulturu, filozofii a umění; je autorem knih „Ślady. Antologia przekładów“ (Olštýn 2003) a „Okno na Joyce“ (Olštýn 2007); v současnosti působí jako novinář a zpravodaj pro Deutschlandradio Kultur a je berlínským korespondentem Polského rozhlasu pro zahraničí v jeho německojazyčné redakci.

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